|
|
 |
 |
 |
Ein Text zum 1. Februar 2002 und gleich auch noch zum selbigen Datum fünf Jahre später …
Im Februar vor fünf Jahren verbrachte ich einige Tage als Gast der wirklich unvergleichlichen Mutter meiner ebenso unvergleichlichen Freundin Barbara in Berlin-Wilmersdorf. Im Februar vor fünf Jahren steckte ich inmitten einer inzwischen üblichen Krise meiner Golfgeneration: Ich war - jung-dynamisch-erfolgreich - aufgrund einer von Außenstehenden nicht nachvollziehbarer Unternehmenspolitik eine Morgens arbeitslos geworden. Das Zukunftsversprechen, das sich meine Generation wie selbstverständlich, aber eben auch grundlos, gegeben hatte, und das auf der Annahme basierte, es könne immer nur weiter aufwärts gehen, war tragischerweise gerade mir gegenüber gebrochen worden.
So saß ich im Fernsehsessel von Christines verstorbenem Mann Günther, dem - mir leider unbekannten, dennoch ebenso unvergleichlichen - Vater Barbaras, und blickte auf sein beeindruckendes, sich unter der Last des Papiers durchbiegendes, sichtlich durchgelesenes Bücherregal, das man sich selbst als Verlags(-ex-)mitarbeiter kaum herbeiträumen mag. Das Bücherregal eines vorurteilslos neugierigen Buchliebhabers und immer auf der Suche befindlichen Menschen. Mein Blick fiel auf ein Buch, dessen Urheberin - wie ich morgens beim Filterkaffee aus dem Tagesspiegel erfahren hatte - verstorben war: Neben Albert Speers vor langem bei Prophyläen mit rotem Umschlage erschienener Erstausgabe der Spandauer Tagebücher stand nämlich die erste Auflage des Molden-Bestseller»Der Geschenkte Gaul« von Hildegard Knef, ebenfalls mit rotem Umschlag.
Mein geisteswissenschaftliches Studium hat bei mir naturgemäß nie zu höherem Erkenntnisgewinn geführt, und vermutlich aus genau diesem Grund habe ich die in einer unbeschreibbaren Sprache verfassten literarischen Erinnerungen an diesem Tag gelesen. Hildegard Knef war mir zuvor nur aus den Erwähnungen meines Vaters »ein Begriff«, eher noch ein Vorurteil gewesen. Mein Vater, eine entscheidende Generation jünger als Hildegard Knef, hatte sich die fränkisch-intellektuelle Einsicht seiner Eltern zur eigenen gemacht und in der Knef frühzeitig die Vaterlandsverräterin erkannt. Und war dabei geblieben.
Nun stellte sich mir im Gaul ein Mensch vor, der schwerere Krisen als meine eigene zu überstehen und - dennoch oder darum - niemals seinen Weg aus dem Blickwinkel verloren oder gar aufgegeben hatte. Ich war ziemlich überrascht.
Bis heute betrachte ich es als den so gerne zitierten »Wink des Schicksals«, als den »geschenkten Gaul«, dem man wahrlich niemals hinter die Kiemen blicken darf, dass nicht einmal ein halbes Jahr später Mareike Schröder und Roman Kuhn in der Collection Rolf Heyne Hildegard Knefs Autobiografie letzter Hand »A Woman And A Half« veröffentlicht haben. Für unseren Verlag war dieses Buch richtungsweisend; denn es war der Katalysator für viele ebenso erfolgreiche, und auch für manche weniger erfolgreiche, Titel.
Vor allem hat uns allen dieses Buch und die Lebensgeschichte von Hildegard Knef vor Augen geführt, was in schwachen Momenten schnell einmal fälschlicherweise in Vergessenheit gerät: wir müssen uns treu bleiben, für unsere Überzeugungen kämpfen und an unsere Ideen glauben. Daraus resultiert die Glaubwürdigkeit, auf die es ankommt, die Haltung, an der man den Einen von dem Anderen unterscheiden kann.
Unvergessen bleiben mir die Begegnungen mit Paul von Schell und unsere Gespräche über die Neuveröffentlichung des Gauls und der anderen zu Unrecht längst vergessenen Knef'schen Bücher. Paul von Schell, der gerade auch in schlechten Zeiten, um genau zu sein: in sehr schlechten Zeiten an der Seite seiner Frau war, ist - wie sie - ein starker Mensch, der auch in seinen schweren Zeiten Überzeugungen treu bleibt und glaubwürdig ist. Das nenne ich Vorbild.
Keine zweihundert Meter von unseren Verlagsräumen in der Münchner Maria-Theresia-Straße entfernt, lebten, ganz oben unterm Dach, einige Jahre lang Hildegard Knef und er. Im Gebäude befindet sich inzwischen eine Bank.
Bis heute habe ich keine Film mit Hildegard Knef bewusst gesehen, bis heute keine ihrer Schallplatten in Ruhe angehört. Und dennoch hängt in einer Ecke meiner Wohnung ihr Rosenthal-Künstlerteller: »Dem geschenkten Gaul blickt man nicht hinter die Kiemen«. Wandteller sind eigentlich etwas furchtbares, furchteinflössendes, unzeitgemäßes. Die meines Vaters habe ich jedenfalls ziemlich gehasst.
Am Ende meiner Gedanken über eine Frau, die ich nicht gekannt habe, und über den unvergleichlichen Leser Günther, den ich leider ebensowenig gekannt habe, steht einer der für mich beeindruckendsten Texte von Hilde Knef.
Von nun an ging's bergab
Ich kam im tiefsten Winter zur Welt,
hab' dreimal geniest, mich müde gestellt,
der Vater war wütend, er wollt' einen Sohn,
ich sah mich so um und wusste auch schon:
von nun an geht's bergab.
Anschließend hatte ich nicht viel zu tun,
man ließ mich wachsen und zwischendurch ruhn,
aber nach ein paar Jahren, da sprach man spontan:
Du musst jetzt was lernen – der Ärger begann:
von nun an ging's bergab.
Mit fünfzehn hatte ich eine Idee,
ich wollt' zum Theater, Mama sagte Nee,
man hätt' mich enterbt, doch wir hatten kein Geld,
und ich folgte dem Ruf auf die Bretter der Welt:
von nun an ging's bergab.
Und alle fanden, ich hätte Talent,
und gaben mir Rollen, die 's Programm nicht mal nennt,
doch der Star wurde krank, das war mir genehm
und dann hat mich einer vom Film gesehn:
von nun an ging's bergab.
Mal war ich die Brave, mal war ich der Vamp,
mal war ich in Nerzen, mal ganz ohne Hemd,
Amerika sprach, es sei ohne mich arm,
und ich hatte Mitleid und folgt' dem Alarm:
von nun an ging's bergab.
Jetzt war ich berühmt, war Hilde im Glück,
kam freudig erregt in die Heimat zurück,
bekam einen Preis und wurde verwöhnt,
doch nach einer Pleite war ich verpönt:
von nun an ging's bergab.
Erst war ich beleidigt, dann war ich verstört,
doch dann hat mich einer singen gehört,
ich hab' ihn gewarnt, doch er sagte, ich muss,
und damit begann der neue Verdruss.
Es war nicht meine Schuld, ich bat Sie um Geduld.
Da laust’ mich der Affe, da ritt mich der Teufel,
ich fing an zu schreiben und trotz aller Zweifel,
in siebzehn Sprachen wurd’ ich weltweit geboren
und lauthals gefeiert als Buchautorin:
und weiter ging’s bergab.
Dann wurd’ es privat, das Drama der Frau,
der Blätterwald wusste es wieder genau,
ich hätte, ich sollte, ich würde, ich muss –
und fast ein jeder glaubte den Stuss:
und weiter ging’s bergab.
Da packt mich der Zorn, ich fang’ noch mal an,
ich flüchte nach vorn, ich breche den Bann,
und weil wir versuchen unser Bestes zu tun,
sind wir gegen Beifall bestimmt nicht immun,
ich hoff’ auf etwas Milde:
Hier steh’ ich, eure Hilde.
|