Collection Rolf Heyne - Bücher für den erlesenen Geschmack
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15.08.07

16. AUGUST 1977

Wo war ich, als ...? Jede Generation hat rückblickend ihre eigenen Bilder vor Augen zu den Ereignissen, die das eigene Leben geprägt haben: seien es die Beatles im Zirkus Krone, die Stones in der Waldbühne, Kurras in der Seitenstraße von Berlin, der erste Mann auf Erdumlaufbahn, der kleine große Schritt auf den Mond, der Todestag von John F. Kennedy, Brandt in Erfurt, der Mauerfall von Berlin, John Lennons Brille vor dem Dakota oder Lady Dis gehauchtes Ja-Wort - und für viele ist bis heute der 16.8.1977 mehr als eine leise Erinnerung: der Tag, ...

an dem Elvis im Badezimmer von Graceland leblos aufgefunden wurde, nachdem er seiner Tochter Lisa Marie wenige Stunden zuvor noch einen Gutenachtkuss gegeben hatte. Es gab vielleicht fingerfertigere Instrumentalisten, wegweisendere Komponisten - es gab in den frühen Tagen des Rock'n'Roll unter anderen Jerry Lee Lewis, Johnny Cash, Carl Perkins oder Orbison -, aber dennoch ist Elvis der King. So sehr, dass seine ehemaligen Mitstreiter aus dem Sun Records-Studio in Memphis, Tennessee - in denen der Legende nach der junge Lastkraftfahrer zum Geburtstag seiner Mutter eine Platte aufnehmen wollte und die Sekretärin dem nicht anwesenden Boss Sam Philips von dem Weißen mit der schwarzen Stimme berichtete - in den achtziger Jahren unter dem Bandnamen »Class of '55« ein »We remember the king« hinterher sangen.

Wie sie suchte auch Elvis in dieser Zeit eines sich andeutenden gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbruchs nach einer Form des eigenen musikalischen Ausdrucks. Cash machte »Boom-Chaka-Boom« mit einem Blatt Papier zwischen den Gitarrensaiten statt einer teueren Snare-Drum, Carl Perkins trug »Blue Suede Shoes«, die den Tanzschritt ins Fernsehen aus tragischen Gründen nicht geschafft haben, Jerry Lee Lewis entzündeten »Great Balls of Fire«, die bis heute (Last Man Standing!) Klaviaturen und Lautsprecher in Feuer und Rauch aufgehen lassen, und verbrannte sich die Finger an der Liebe. Elvis verband schwarze und weiße Musik, trat einfach auf die Bühne, und legte los. Eine auf YouTube zu entdeckende, unscharfe, verwackelte Konzertaufnahme von Johnny Cash Mitte der Fünfziger Jahre zeigt seine Parodie auf »Elvis The Pelvis« und beschreibt in ihrer Überspitzung sehr genau, warum das zumeist weibliche Publikum kreischte. YouTube gestattet dem, der den Vergleich sucht, auch einen Blick auf den musikalischen Zeitgenossen Pat Boone.

Elvis erreicht bis heute mit seiner Musik im Grunde genommen jede Generation aufs Neue, nicht ohne Grund findet sich sein Name auf der morbiden Forbes-Liste der meistverdienenden Verstorbenen. Seine Auftritte, die in den 1950er Jahren nur bis oberhalb der Hüfte (»Hound Dog«) gefillmt werden durften, seine Einberufung in die Army auf dem Zenit des Rock'n'Roll (»Muss i denn ....«), seine Rückkehr mithilfe des Rat Pack-Caudillos Frank Sinatra, unsägliche Hollywoodfilme und grandiose Catsuit-Konzerte in Las Vegas - vielfältig und auch im Scheitern immer grandios. Die Beatles wollte nichts mehr, als auf ihrer USA-Tournee (»Wir sind bekannter als Jesus...«) einmal den King kennenlernen - mehr als eine Partie Billiard in Graceland war nicht drin. Einen Oscar wollte der Schauspieler Elvis, und selbst für »Flaming Star« gab's nichts als Häme. Zurück zu YouTube: es lohnt sich, Konzertmitschnitte aus '76 oder '77 anzusehen, einmal um den körperlichen Verfall von Elvis zu verstehen, und einmal um zu begreifen, dass selbst der vehement betriebene Raubbau seinem musikalischen Genius keinen Abbruch getan hat.

Am 16. August 1977 habe ich nichts von Elvis bemerkt. Ich wurde gebadet. Die Beerdigung ein paar Tage später sah ich dann, natürlich erneut frisch gebadet und eingecremt, im Fernsehen, Tagesschau: riesige weiße amerikanische Autos, Menschenmassen, Blumenmeere und ein Konzerteinspieler, der zeigte, wie das Publikum einen dicken, schwitzenden, unglaublich singenden dunkelhaarigen Mann förmlich anhimmelte. Ich habe mit meinen paar Lebensjahren nicht verstanden, was da los war, aber an die weißen Autos, die Stille im Fernsehen und die weißen Handtücher des schwitzenden Sängers erinnere ich mich bis heute. Ebenso wie an meine erste Elvis-Platte, die mir mein Vater, geboren am 15. August, in weiser Voraussicht »für später einmal im Leben« aus Anlass des Todes und aus Anlass des daraus resultierenden Sonderangebotes eines Nürnberger Plattengeschäfts, das es heute nicht mehr gibt, obwohl ich genau weiß, wo es zu finden wäre, gekauft hatte. Für 19 Mark 90 Pfennige.

Am 10. Todestag 1987 fuhr ich mit meinen Eltern in einem weißen Mercedes 200 D, nachts auf einer deutschen Autobahn am Bayrischen Wald vorbei und lauschte einer Sendung des damals noch hörbaren Senders Bayern 3.

Am 15. Todestag 1992 hatte ich mich mitsamt Zweipersonenzelt und Konstanze (umgekehrte Reihenfolge, natürlich) vor einem Nordseesturm in meinen Opel Kadett D, indischrot, gerettet und lauschte via Radio RSH am Deich von Nordstrand den Liedern des King. Ja, ich singe gerne. Und: Ja, ich kann nicht singen, singe allein dreistimmig und atonal. Aber: als Elvis im Auto, unter der Dusche oder beim Kochen muss sein.

Am 30. Todestag sehe ich mir sein Comeback-Special von 1968 an, schwarzes Leder, Scotty Moore, D.J. Fontana und - Elvis lebt.

Link: http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc~ECA43E334B0C64BBFABBF7B4D0E0035FB~ATpl~Ecommon~Sspezial.html


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Bild 1

The Million Dollar Quartett - die Sun Records Session
The Million Dollar Quartett - die Sun Records Session

Class of 55
Class of '55

Das Comeback Special 1968
Das Comeback Special 1968

 
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